Historische Theologie

Norbert Bolz: Zurück zu Luther

Norbert Bolz: Zurück zu Luther, Paderborn: Wilhelm Fink, 2016, geb., 141 S., € 19,90, ISBN 978-3-7705-6086-8

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Der 1953 in Ludwigshafen geborene Philosoph Norbert Bolz lehrt seit 2002 Medienwissenschaft resp. Medienberatung am Institut für Sprache und Kommunikation der TU Berlin. In früheren Publikationen hat er sich kritisch gegenüber der Political Correctness des medialen Mainstreams geäußert. Im vorliegenden Buch fordert er als „religiös unmusikalischer“ evangelischer Laie die verfasste Kirche dazu auf, vom überbordenden Gutmenschtum unserer Zeit zum wahren Luther des 16. Jahrhunderts zurückzukehren: Bolz will „Luther gegen den sentimentalen Humanitarismus unserer Zeit in Stellung bringen. Es gibt nämlich keinen schärferen Kritiker des Gutmenschentums als Luther“ (Vorwort, 7).

Bolz schreibt mit pädagogischer Zielsetzung: Er will alles, was man von Luthers Lehre wissen muss, zusammenfassend klar darbieten (Vorwort, 8). Dies verwirklicht er in 21 nicht gezählten Abschnitten bzw. Kapiteln auf 116 Textseiten (7–122). Der Leser findet in den Abschnitten Ausführungen zu zentralen Themen von Luthers Theologie wie – um nur einige zu nennen – Gesetz und Evangelium, zur Verborgenheit Gottes und zur Suffizienz des Gekreuzigten, zu Willensfreiheit und zu Luthers Vernunftkritik, belegt in ebenfalls nicht nummerierten, nur auf die Seitenzahl angeführter Zitate verweisenden Anmerkungen (123–138, „wissenschaftlicher Apparat“: 8; Lit.: 139–141).

Kennzeichnend für die Lutherdarstellung von Bolz ist nicht nur, dass er die Themen immer wieder im Gespräch mit Kierkegaard, Bultmann, Ebeling, Heidegger und Gelehrten verschiedenster Fachrichtungen erörtert, ebenso deutlich ist sie durch seine implizite und explizite Kritik am zeitgenössischen christlichen Humanitarismus in Form des allerorten auftretenden „Gutmenschen“ geprägt, dessen Position er immer wieder durch Luther abgelehnt sieht (vgl. 11, 48, 57f, 75, 81, 85, 101, 104). So ist Luther bei Bolz der fremde Reformator, den es zur Wiedergewinnung des evangelischen Profils heute neu zu entdecken gilt. Diesem Ziel dienen auch zahlreiche Originalzitate, die kursiv gesetzt und nach Kurt Alands Lutherausgabe zitiert werden (8).

Die Zielgruppe des Verfassers sind zwar „Laien“ und seine Ausführungen sollen allgemeinverständlich sein. Bei der Diskussion mit Heidegger (z. B. 17) wird dem Leser jedoch ein gehobener Bildungsabschluss abverlangt oder auch starkes Interesse an Neuem vorausgesetzt. Durch dieses Vorgehen werden zentrale Anliegen Luthers zum Leuchten gebracht und mit der gegenwärtigen Form des Christentums kontrastiert.

Luther betont gegen die „himmlischen Propheten“ seiner Zeit: Das Wort wirkt, und nicht der Geist getrennt von Gottes Wort! (17). Jesus Christus genügt (19–24), christliche Theologie ist im Zentrum immer Theologie des Kreuzes (24). Bolz diskutiert an Luthers Beispiel die Schwierigkeit, an Gott zu glauben (25–32); es bedarf der „tägliche[n] Übung des gebrechlichen Glaubens“ (25). Für Luther ist es ganz selbstverständlich, dass derjenige, der keine Religion besitzt, einen Aberglauben haben muss. Das hat aber eine bedeutsame Konsequenz: Das Christentum ist kein Glaubensangebot, das man so ohne weiteres annehmen könnte. Damit die Menschen an Christus glauben, muss man ihnen viel Glauben nehmen. Luther ist in dieser Hinsicht auch ein geistlicher „Abbruchunternehmer“ (29). „Wer getauft ist, ist Christ. Gerade deshalb aber kann er leicht vergessen, dass es im Glauben darum geht, Christ zu werden: Das ist Luthers Thema“ (30).

Luther spricht ungeniert auch vom Teufel. Für den Reformator ist er nicht leicht zu erkennen, weil er vortäuscht, gut zu sein. Bewusst aktualisierend formuliert Bolz: „Er maskiert sich nämlich als Moralist und verführt uns mit seinem Kult des Gutmenschtums … Er blendet uns mit dem Wahn der Gerechtigkeit durch das Gesetz“ (57).

Seine Kritik an der heutigen Kirche und ihrer Verkündigung konzentriert der Verfasser im Abschnitt über „Luther und die Neuzeit“ (101–108). Seine Urteile wie „unrealistische Menschenfreundlichkeit“ oder „Wohlfühlchristentum“ richten sich gegen die Reduktion des christlichen Glaubens auf eine allgemein gefällige bürgerliche Zivilreligion, die eine Restreligion darstellt: Was wichtig daran ist, will man behalten, ohne die zentralen anstößigen Themen Luthers zu übernehmen (104). Sein Ruf „Zurück zu Luther“ richtet sich gegen den diffusen Humanismus heutiger christlicher Religiosität im Namen Luthers. Selbstverwirklichung wird zum Heilsweg der Alltagskultur: „Das Individuum ist nun sein eigener Willkürgott.“ Ein „europäisch verschlankter Buddhismus“ und die „Suche nach dem Heil im eigenen Selbst“, Fitnesskult als mit religiösem Ernst zelebrierte Exerzitien (106) sind Ersatz für den christlichen Glauben in der Nachfolge Luthers. Weiter beschäftigt sich Bolz in den letzten drei Kapiteln mit dem Problem, dass bzw. warum die Neuzeit den Glauben nicht annehmen will.

Bolz hat ein lebendiges, sprachlich angenehmes und gut lesbares Plädoyer in einem klaren Stil geschrieben. Er setzt inhaltlich einiges voraus und referiert nicht nur – wie viele andere Autoren – über Luther und die Reformationsgeschichte, sondern stellt ihn in einen größeren Bildungshorizont, der dem Leser schmerzhaft sein eigenes literarisches Halbwissen offenbart. Bolz macht Luther von den modernen Wissenschaften her verständlich und belegt seine Modernität, die ihn für den Zeitgenossen attraktiv machen soll. Manchmal mag er in diesem Prozess modernisierende Deutungen von Hans Blumenberg oder anderen her wagen, denen seine Leser inhaltlich vielleicht nicht folgen werden. Doch die Lektüre des Buchs regt eminent dazu an, jenseits der Zivilreligion der Gegenwart den widerständigen, authentischen Luther zu entdecken!

 

Pfarrer Dr. Jochen Eber, Margarethenkirche Steinen-Höllstein, Redakteur des Jahrbuchs Biblisch erneuerte Theologie

 

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